Pressemitteilung

Abschied von Alfred „Fredy“ Pietsch

Zeitzeuge, Buchautor, ehemaliger Bischof und Pionier der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche in Österreich verstorben

Heute haben sich Familie und Freunde von Alfred Pietsch am Ottakringer Friedhof  verabschiedet. Fredy, wie er von allen genannt wurde, ist am 2. Juli im 95. Lebensjahr von dieser Erde gegangen. Wir wollen uns nochmals an einen Zeitzeugen und wunderbaren Freund erinnern.

Es war mehr ein Fest, das man heute miterleben durfte, als eine Trauerfeier. Das lange und erfüllte Leben, auf das zurückgeblickt wurde, ist auf jeden Fall beeindruckend. In den letzten 95 Jahren ist viel in Österreich passiert und Fredy war ein Teil davon. Seine Geschichten über seine Erfahrungen mit dem Nazionalsozialismus waren und sind wichtig für alle von uns und Fredy hat auch jede Gelegenheit genutzt mit diesen Erlebnissen Warnungen auszusprechen. Von seinen sportlichen Erfolgen über seine Liebe zur Musik bis hin zu seiner Begeisterung, wenn es um seine Mitgliedschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage und seinengroßen Bruder Jesus Christus ging, war Zeit, die man mit ihm verbrachte immer herzlich und lehrreich.

Zitate wie diese zeigen, was Alfred Pietsch den Menschen bedeutet hat:

„Ein wunderbarer Mensch, unvergesslich!“ oder „Fredy war eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten, denen ich je begegnet bin. Und das ganz ohne beeindrucken zu wollen. Ich werde ihn sehr vermissen.“ oder „Ein wirklich beeindruckender Mensch mit einer einmaligen Lebensgeschichte. Fühle mich geehrt ihn persönlich gekannt zu haben.“

Wir erlauben uns den Nachruf von Thomas Soucek hier beizufügen, der sein Leben hervorragend zusammenfasst.

Nachfolgend der Nachruf von Thomas Soucek, der heute gehalten wurde:

Nachruf auf Alfred Pietsch

7. Juni 1925 – 2. Juli 2019

Fredy hat mich 2017 gebeten, seinen Nachruf zu halten. Es war ihm immer wichtig, dass man öffentlich laut und deutlich und mit Begeisterung spricht. Daher ist es nicht Pietätlosigkeit, wenn ich seinem Wunsch entspreche. Gemeinsam haben wir als Bischofschaft mehrere Begräbnisse organisiert, wo er mich über den Sinn und Zweck des Lebens reden ließ und daher wusste, dass ich zu einer Trauergemeinde sprechen kann.

Ich spreche heute über einen Familienmenschen, über einen eifrigen Jünger Christi, über einen weltgewandten Ottakringer Lokalpatrioten, über einen begeisterten Sportler und Sportfan, sowie über einen begnadeten Entertainer und Geschichtenerzähler.

Die Fakten:

Am 7. Juni 1925 als einziges Kind von Rudolf und Anna Pietsch née Jantzky geboren, in Armut der Zwischenkriegsjahre mit zwei anderen jungen Familien gemeinsam in Zimmer-Küche-Kabinett in einer winzigen Wohnung im 16. Bezirk in der Hippgasse. Mit wenigen Monaten Umzug in eine eigene Wohnung im neu errichteten Sandleiten Gemeindebau, der für die damalige Zeit super-modern war und als großes Glück für die Familie empfunden wurde. Der Vater ein begnadeter und bekannter Berufsmusiker, der sein eigenes Tanzorchester hatte und später als Heurigen- und Schrammelmusiker  unter anderem bei der 10-er Marie die Familie ernährt hat. Die Mutter auch mit einem Gesangstalent gesegnet, begleitete ihren Mann manchmal auf Tourneen, eine ruhige, gütige liebevolle Frau.

Fredys frühe Kindheit war glücklich, geprägt durch eine große Gruppe gleichaltriger Kinder, die „Sandleitner Platte“, mit der er viel Zeit in und um den Gemeindebau in Spiel und Sport verbracht hat. Er ging in die heute noch bestehende Roterdschule in Volks- und Hauptschule. Gymnasium war trotz hervorragender Note wegen der Kosten kein Thema. Dafür lernte er wegen seines musikalischen Talents 3 Jahre lang Klavier, bis er wegen einer überstrengen Lehrerin den formalen Unterricht aufhörte, privat aber auf Klavier und Akkordeon weiter musizierte. Nach der Hauptschule lernte er bei einem Druckereibetrieb im 8. Bezirk in der Strozzigasse den Beruf des Schriftsetzers, damals ein sehr angesehener Beruf, dessen Abschluss mit der Matura gleichgesetzt war und ihm in der deutschen Wehrmacht die Offizierslaufbahn eröffnete.

Mit 14 Jahren verliebte er sich in die schöne Friedrike Heidler, seine „Friedl“; die beiden wurden ein Paar, als er 16 Jahre alt war und blieben es bis zu ihrem Tod im Jahr 1980. Als Fredy 17 Jahre alt war, wurde er im Jahr 1942, wie alle anderen seines Alters, zum Reichsarbeitsdienst eingeteilt und kam in ein Ausbildungslager nach Grünberg in Oberschlesien. Wie überall fand er sich auch dort seine Freunde, wodurch er die harte Ausbildung leichter ertragen konnte. Ende 1942 wurde er und seine Gruppe in die Nähe von Warschau verlegt, wo ihm die Folgen des Kriegs durch Gebäudeschäden und eine verängstigte, unterdrückte Zivilbevölkerung bewusst wurde. Dienstaufträge führten dazu, dass er die Gräuel des Naziregimes im Ghetto von Warschau und am Warschauer Bahnhof mit eigenen Augen sah, als er einen Transport von Juden in ein Konzentrationslager miterlebte. Er hat sein Leben lang bewegt von den Leiden dieser Menschen erzählt und und vor dem Nationalsozialsmus gewarnt. Die anfängliche Begeisterung – als 13-Jähriger hatte er den Einzug Hitlers in Wien in der Mariahilferstrasse noch bejubelt – wich einer zunehmenden Skepsis. Am Ende seines Arbeitsdienstes Anfang 1943 wurde er direkt in die deutsche Wehrmacht eingezogen, wobei er dank des Einflusses eines couragierten luxemburgischen Freundes der aggressiven Werbung, sich in die Waffen-SS einzutragen, widerstehen konnte. Seine Ausbildung als Soldat und als Unteroffizier führte ihn nach Freistadt im Mühlviertel und nach Celje im heutigen Slowenien. Er erwarb dabei Führerscheine für PKW, Motorrad, LKW und auch den Panzerführerschein und beendete seine Ausbildung als Unteroffizier und Panzerkommandant. Er wurde 1944 zur sogenannten Frontbewährung an den Mittelabschnitt der Ostfront ins Gebiet der heutigen Ukraine (Lwiw oder Lemberg) als Kommandant einer gepanzerten Selbstfahrlafette geschickt. In vielen Rückzugsgefechten erlebte er hautnah die Schrecken des Krieges. Im August 1944 wurde er durch eine Kugel in den Arm verwundet und wurde zur Rekonvalszenz nach Wien geschickt, wo er, in den Armen seiner Friedl am Donauufer liegend, einen massiven Bombenangriff auf Wien ungeschützt im Freien überlebte. Er wurde danach nach Mittenwald in Bayern zur weiteren Offiziersausbildung als Gebirgsjäger verlegt und in den letzten Kriegstagen 1945 zum Leutnant befördert. Seinen letzten Auftrag, als junger Leutnant einen Volkssturm gegen die heranrückenden Amerikaner anzuführen, sabotierte er, versteckte sich in den Bergen und geriet schließlich in amerikanische Gefangenschaft. Nach 8-monatiger Kriegsgefangenschaft in Ludwigshafen am Rhein und in Frankreich kehrte er über Umwege nach Wien zurück und konnte, mit Vater, Mutter und Verlobter wiedervereint, 1945 ein freudiges Weihnachten feiern.

In den ersten Jänner-Tagen des Jahres 1946 begann er in der Druckerei der Nationalbank zu arbeiten. Seine Mutter hatte schon lange zuvor wegen eines Postens angefragt, und man hatte dort schon auf ihn gewartet, da er ja eine Ausbildung als Schriftsetzer hatte. Sein erster Lohn waren 200 Schilling im Monat, umgerechnet 14 Euro. Er wurde vielfältig eingesetzt, begleitete unter anderem die ersten Banknoten-Transporte in die Landeshaupstädte unter teils abenteuerlichen Umständen. Im Laufe der Jahre wurde ihm leitende Verantwortung für die Druckerhalle der Nationalbank überantwortet. Dabei musste er als Erster in der Früh aufsperren und abends als Letzter wieder absperren. Er war verantwortlich für die Zählung der gedruckten Banknoten-Bögen. Über 27 Jahre hinweg hat er täglich die gesamte Währung Österreichs gezählt, bis zu 35.000 Bögen zu je 15 Banknoten pro Tag. In den letzten Jahren seiner beruflichen Tätigkeit wurde ihm die Leitung der Sport- und Skisektion der Nationalbank anvertraut, wo er federführend für den Ausbau des Sportplatzes der Nationalbank verantwortlich zeichnete. Er erreichte große sportliche Erfolge, wurde unter anderem zweimal Mannschafts-Europameister der Bankenmeisterschaften und baute eine Fußball- und eine Basketballmannschaft am ASKÖ-Platz auf. Um seine geliebte Friedl, die er nach dem Krieg geheiratet hatte, und die an einer schweren Nierenerkrankung litt, pflegen zu können, wurde ihm etwas früher die Pensionierung gewährt. Im März 1980 verstarb seine Frau unter großer Anteilnahme der Mitglieder der Kirchengemeinde Wien 1. Friedl hatte sich 1972 der Kirche Jesu Christi angeschlossen, Fredy war ihr 1975 gefolgt. Nach einigen Jahren als Witwer lernte Fredy seine Sissy kennen, die beiden heirateten schließlich im September 1982. Sissy brachte ihre Tochter Iris aus einer früheren Ehe mit.

Nach einigen Berufungen in der Kirche wurde Fredy im Juni 1985 als Bischof der Gemeinde Wien 1 berufen, eine Aufgabe, die er mehr als 10 Jahre bis in den Oktober 1995 innehatte. Nach einem kurzen Intermezzo als Hoherat für Wien 5 wurde Fredy mit seiner Sissy gemeinsam im April 1996 als National Director for Public Affairs in Österreich berufen. Diese Aufgabe erfüllten die beiden gemeinsam bis zum November 2013, mehr als 17 Jahre. In dieser Zeit veränderten sie die Öffentlichkeitsarbeit der Kirche entscheidend, bauten wertvolle Kontakte zu Medienvertretern, Politikern und anderen Kirchenvertretern auf. Unter anderem nahmen sie 1997 an einem 3-monatigen Re-Enactment des Pionierszugs von 1847 teil, wo sie von Omaha nach Salt Lake City in Pferdewagen fuhren und zumeist im Freien übernachteten. Durch einen Kontakt zur Kronenzeitung waren die beiden eines sonntags im Juni in ganz Wien an jeder Ecke zu sein, weil sie am Titelblatt der Krone waren. Weitere Aktionen waren unter anderem der Sea-Treck 2001, eine Genealogie-Kooperation mit der Kronenzeitung 1999, mehrere organisierte Besuche bei den Bundespräsidenten, die Initiierung der jetzt existierenden Plattform der Religionen in Österreich und viele Berichte in Print, Radio und Fernsehen anlässlich Mitt Romneys Kandidatur für die US-Präsidentschaft. 2004 brachte Fredy mit Sissy als Ghost-Writer sein privates Buch „Es regnete Hakenkreuze“ heraus und engagierte sich als Zeitzeuge bei unzähligen Besuchen von Wiener Schulklassen.

Privat war Fredy das Glück als Opa gegönnt, als 2003 sein Enkel Mico, und 2008 seine Enkeltochter Tara zur Welt kam, mit denen er sehr gerne Zeit verbrachte. Seine letzten Jahre verbrachte Fredy auch gerne im Ennstal, wo sie sich in Aich und dann in Gröbming eine kleine Ferienwohnung zugelegt hatten. Winters wie sommers konnte er dort die Natur genießen. Eine Nervenerkrankung in den Beinen machte ihm zuletzt das Leben schwer und verhinderte, dass er sich so draußen bewegen konnte, wie er das gerne gewollt hätte. Am 2. Juli ging Fredy nach einigen wenigen Wochen in einem Ottakringer Pflegeheim in die andere Welt hinüber.

Nun zu einigen Geschichten, die seine verschiedenen Rollen im Leben veranschaulichen sollen:

Familienmensch:

Fredy hat sich immer eingebettet in seine Familie gefühlt und hat große Anstrengungen unternommen, um im Kreis seiner Familie zu sein. Seine Mutter, seine Großeltern und Tanten hatten großen Einfluß auf ihn und seine Entwicklung. Als er seiner Mutter nach wenigen Wochen im Reichsarbeitsdienst voll Heimweh schrieb, dass er immer hungrig sei, überraschte sie ihn mit einem Besuch in Oberschlesien, zu dem sie ein Gulasch und zwei Strudeln mitbrachte. Am Weg zur Ostfront, als sein Zug einen kurzen Aufenthalt hatte, unternahm er einen kilometerlangen Fußmarsch, um seinen zukünftigen Schwiegervater zu treffen, der dort stationiert war. Am Ende seiner Kriegsgefangenschaft setzte er alles aufs Spiel, um zu Weihnachten wieder zu Hause bei seiner Familie und seiner Friedl zu sein. Dass er mit Sissys Tochter Iris eine späte Erfüllung der Vaterrolle erleben konnte, war für ihn ein besonderer Stolz. Wenn er seine Enkelkinder Mico und Tara gesehen hat, haben seine Augen immer geglänzt: „So ein stattlicher junger Mann!“ „So eine hübsche junge Dame!“ Als der kleine Mico mit viel Mühe seiner Eltern eine Piste runtergekommen war, sah er seinen Opa und rief: „Fredy schau!“ und fuhr zur Überraschung seiner Eltern perfekte Bogerln. So wie er ständig von seiner verstorbenen Friedl erzählt hat, wird er wahrscheinlich jetzt in der anderen Welt ständig von seiner Sissy erzählen!

Eifriger Jünger Christi:

Der Glaube an einen Vater im Himmel und an seinen persönlichen Schutzengel wurde ihm von seiner Mutter und seiner Tante Mitzi beigebracht, die mit ihm als Kind gebetet hat. Vor einer schweren Schlacht als Soldat hat er lange und intensiv zu Gott gebetet und ihm versprochen, wenn Gott ihn im Krieg beschützt, wird er danach etwas für ihn tun. Seine Verbindung zu Gott fand er schlussendlich, als er auf Aufforderung seiner Friedl mit den Missionaren zum ersten Mal laut betete und danach zu Tränen gerührt war. Nach seiner Taufe „heulte er wie ein Schlosshund für eine halbe Stunde lang“, so intensiv war sein geistiges Erlebnis. Jeder von uns wusste seitdem, dass „sein großer Bruder Jesus Christus“ für ihn ein unleugbare Tatsache war. Viele interessierte Menschen, die die Silbergasse betraten und erst Stunden später mit großen Augen verließen, wussten das. Sie waren von Fredy und Sissy in die Zange genommen worden, die ihnen mit großer Begeisterung vom Evangelium bezeugten. Als Bischof hat er sehr vielen Menschen in materieller und geistiger Not geholfen. Während zweier Flüchtlingswellen wurden sehr viele Menschen aus Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien getauft und erhielten eine neue Heimat in seiner Gemeinde. Unnachahmlich seine Art, beim Taufgottesdienst die Neugetauften väterlich in den Arm zu nehmen und sie der Gemeinde vorzustellen. Sehr lebensnah auch seine Ratschläge als Bischof. Um Waisenheime in Rumänien und Jugoslawien mit dem Nötigsten zu versorgen, organisierte er Spendeninitiativen und nahm bei den langen Fahrten große Strapazen auf sich.

Weltgewandter Ottakringer Lokalpatriot:

Fredy ist in Ottakring aufgewachsen, hat sein Leben lang in Ottakring gelebt und ist in Ottakring verstorben und hat immer begeistert von Ottakring erzählt. Er wurde sogar mehrfach im Fernsehen zu seinem Heimatbezirk interviewt. Nichts brachte ihn weg von seinem geliebten Heimatbezirk. Zum Leidwesen von Sissy und Iris, die gerne in weniger beengten Verhältnissen gelebt hätten, machte er einen Vertrag für eine große Wohnung in Stammersdorf wieder rückgängig, weil er sich nicht von seiner kleinen Wohnung mit tollem Ausblick über Ottakring trennen konnte. Trotzdem war er für Skirennen in ganz Europa unterwegs, fühlte sich überall zu Hause und redete ungezwungen mit allen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Auch die Amerikaner konnten sich auf dem Pionierszug nach Salt Lake City seinem Wiener Charme nicht entziehen! Vorgesetzte oder wichtige Persönlichkeiten jagten ihm keine Angst ein, er traute sich immer mit ihnen zu sprechen, vor allem, wenn es um Ungerechtigkeiten ging. Er sprach mit Politikern wie Faymann, Androsch, Vranitzky um sie auf versäumte Dinge aufmerksam zu machen. Einen wichtigen Direktor in der Nationalbank, der ihn beschuldigte, einen neuen Fußboden mit seinen Schuhen zu ruinieren, stellte er wutentbrannt zur Rede, hob den kleingewachsenen Mann hoch, setzte ihn auf den Schreibtisch und sagte:“Hören Sie auf, mich zu beschuldigen, ich mache so etwas nicht! Ich bin ehrlich!“

Begeisterter Sportler und Sportfan:

Fredy liebte den Sport, er war staatlich geprüfter Skilehrer und Tennislehrer, er fuhr Wasserski, spielte Basketball und Fußball, fuhr gerne Fahrrad und Motorrad. Kurz vor seinem 70. Geburtstag holte er in einer Gruppe junger Männer anlässlich einer Hochzeit den motorradbegeisterten Bräutigam mit einem Motorrad ab und fuhr in zum Hochzeitsempfang. Er brachte unzähligen jungen Leuten das Skifahren bei. „Schauferl heben!“ „Jetzt den Linksschwung machen!“ „Fredy, da ist eine Eisplatte!“ „Blödsinn, des is ka Eis, mach den Bogen!“ Anlässlich eines gemeinsamen Urlaubs auf der Reiteralm brachte er meinen Kindern das Wedeln bei. Wenn sie den Hang hinuntersausen, sehe ich die Grazie ihrer Mutter, und die technische Eleganz von Fredy. Niemand anderer als eine Wiener Staatsmeisterin im Tennis konnte seine Frau werden. Voll Stolz erzählte er gerne von Sissys Vorhand, die wie ein Hammer sein konnte. An guten Tagen hat sie ihn 6:0, 6:0 vom Platz gefegt, wie er voll Ingrimm erzählte. Als Bischof schaute er, dass seine Jungen Männer immer Sportaktivitäten hatten und spendete ihnen Tickets für das Tennisturnier in der Stadthalle.

Als er schließlich mit 87 Jahren und nach vielen gewonnen Skirennen merkte, dass es einfach nicht mehr ging, schnallte er nach seiner letzten Abfahrt die Ski ab, blickte den Berg hoch und weinte. Bis zuletzt fuhr er Rad, dann auch Elektrorad. Die meisten Menschen haben maximal ein Elektrorad – Fredy hatte drei davon!

Begnadeter Entertainer und Geschichtenerzähler:

Das Musizieren mit Klavier und Harmonika und das Singen machten ihm große Freude. Das Talent hatte er von seinen Eltern geerbt. Beim Reichsarbeitsdienst gründete er eine Band namens „Die Vier Alfredos“ und unterhielt mit österreichischen und deutschen Schlagern sowie amerikanischen Jazz-Hits, die er auswendig konnte, die gesamte Kompanie. Ähnliches machte er in Kriegsgefangenschaft, als er „Die Drei Melodas“ gründete und fast jeden Abend ein Varieté- und Musikprogramm bot.

Er liebte es, die Leute mit Geschichten zu unterhalten, konnte packend ganze Filme nacherzählen und imitierte dabei bewusst oder unbewusst die Leute, über die er erzählte. Unvergessen ist so manche Bischofschaftssitzung, die ich mit ihm erlebte, als er frei assoziierend über die freche Unbekümmertheit der Jugend erzählte, wie er seinen Panzerführerschein erhielt. Sein Fahrprüfer, der ihn eigentlich durchfallen lassen wollte, saß außen am Fahrzeug, als Fredy mit vollem Karracho auf das enge Freistädter Stadttor zuraste, das man eigentlich nur im Schritttempo passieren durfte. Trotz verzweifelt gebrüllter Befehle raste er durch, machte danach bei vollem Tempo eine Rechtskurve und blieb in einer Staubwolke stehen. „Sie haben die Prüfung bestanden, aber fahren Sie niemals wieder so wie eine Wildsau!“ Wir, seine Ratgeber, lagen danach nicht nur einmal mit Lachtränen in den Augen halb unter dem Tisch, weil er so unterhaltsam erzählen konnte.

Bei diversen bunten Abenden und Hochzeitsempfängen war es ihm eine Freude, mit selbstkomponierten Liedern aufzutreten. Er sang für mich bei meinem Missionsabschied, bei meiner Rückkehr, und bei meiner Hochzeit! Zu seinem 90. Geburtstag lud er alle seine Freunde in die Silbergasse ein und unterhielt sie mit einem zwei-stündigen Programm, das er alleine und zusammen mit Freunden selbst bestritt. Als ich ihn wenige Wochen vor seinem Tod im Pflegeheim besuchte, hat er mir noch im Bett liegend vorgesungen, was er bei seiner Geburtstagsparty vorgetragen hat.

Ein gläubiger Jünger Christi, ein Familienmensch, ein Patriot, ein Sportler, ein Entertainer ist in die nächste Welt gegangen. Er war ein Mensch mit Fehlern so wie wir alle, und er war ein Vorbild in so vielen Dingen. Wenn wir einst in die andere Welt gehen, werden wir sicher bald sein charakteristisches Fredy-Lachen hören, weil er als unser Freund uns entgegenkommen wird, gemeinsam mit seinem großen Bruder Jesus Christus.

Ein Nachruf auf Fredy kann nicht ohne Gesang enden, auch wenn ich es nicht so gut kann wie er. Ferdinand Raimund lässt die allegorische Jugend singen:

„Brüderlein fein, Brüderlein fein
zärtlich muß geschieden sein
Brüderlein fein, Brüderlein fein
´s muß geschieden sein

Denk manchmal an mich zurück
schimpf nicht auf der Jugend Glück
Brüderlein fein, Brüderlein fein
schlag zum Abschied ein.“

Baba, Fredy! Wir sehen uns!

 

Mehr über Alfred Pietsch als Zeitzeuge auch unter:

https://www.kirche-jesu-christi.at/ein-gehaltenes-versprechen

https://radioklassik.at/fredy-aus-ottakring/

https://vimeo.com/185545885 (die volle Dokumentation wird im Herbst 2019 präsentiert)

https://cba.fro.at/346175

Hinweis an Journalisten:Bitte verwenden Sie bei der Berichterstattung über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bei deren ersten Nennung den vollständigen Namen der Kirche. Weitere Informationen hierzu im Bereich Name der Kirche.